Die Notenschrift und das EIS-Prinzip

In einem Lehramts-Studium lernt man so einiges an Theorien darüber, wie Lernen funktioniert und wie Lernprozesse gefördert werden können. Inzwischen ist mein Studium mehr als zwanzig Jahre her, und die meisten Theorien habe ich seitdem wieder vergessen. Das EIS-Prinzip ist mir jedoch in Erinnerung geblieben. Es geht auf Jérôme S. Bruner (1915 – 2016) zurück, einen amerikanischen Psychologen. Mit Speiseeis hat das Prinzip eigentlich nichts zu tun, allerdings ist Speiseeis ein schönes Beispiel, das EIS-Prinzip anschaulich zu erklären:

Das E in EIS steht für „enaktiv“. Dieses Wort stammt ursprünglich aus dem Griechischen/Lateinischen und bedeutet soviel wie „durch eine Handlung, durch eigenes Tun“. Diese erste, sehr konkrete Stufe des Lernens können wir auch als „Begreifen“ bezeichnen. Ein Kind, das zum ersten Mal ein Speiseeis isst, lernt dabei unglaublich viel, oftmals noch ohne es benennen zu können. Es spürt die Konsistenz der Eiscreme und der Waffel, die Temperatur, den Geschmack, und im Laufe der Zeit lernt und entwickelt es immer feinere Techniken, das Eis zu essen, ohne dass ein Großteil davon auf der Kleidung und im ganzen Gesicht landet.

Das I in EIS steht für „ikonisch“. Dieses Wort hat ebenfalls griechische und lateinische Wurzeln und bedeutet „bildhaft“. Auf dieser zweiten Stufe des Lernens reicht eine Abbildung aus, damit ein Kind entscheiden kann, ob es gerade Appetit auf ein Speiseeis hat oder nicht, möglicherweise läuft ihm schon beim Anblick einer Eiswerbung das Wasser im Mund zusammen, und sein Gehirn ruft vorsichtshalber schonmal sämtliche Fertigkeiten ab, die zum Verzehr von Speiseeis erforderlich sind. Voraussetzung dafür ist allerdings die vorherige enaktive Erfahrung mit Speiseeis.

Das S in EIS steht für „symbolisch“. Und schon wieder landen wir bei einem Wort aus der Antike. Auf dieser dritten, sehr abstrakten Stufe des Lernens reicht das gesprochene Wort „Eis“ aus, um im Gehirn des Kindes ein inneres Bild zu erzeugen und die eben beschriebenen körperlichen Prozesse auszulösen. Lernt das Kind Lesen und Schreiben, erreicht es eine noch höhere Stufe der Abstraktionsfähigkeit, auf der eine scheinbar willkürliche Zusammenstellung aus geraden und gebogenen, einzelnen und miteinander verbundenen Linien Appetit auf Gefrorenes weckt.

Kinder im Einschulungsalter haben in der Regel schon eine gigantische Menge an E-I-S-Prozessen durchlaufen. Dies passiert überwiegend unbewusst und führt zu einer immer größer werdenden Abstraktionsfähigkeit. Oftmals beginnen Kinder irgendwann von sich aus, das EIS-Prinzip umzudrehen. Sie sehen beispielsweise einen Buchstaben und fragen nach seinem Namen beziehungsweise dem zugehörigen Laut. Sie wollen Wörter lesen können und herausfinden, welche Bedeutung, welches Bild oder welche reale Erfahrung sich in ihnen verbirgt. Voraussetzung dafür ist, auf dem Weg bis hierher, eine mehrfach gigantische Menge an Handlungen, an eigenem Tun.

Was bedeutet das für die Notenschrift?

An dieser Stelle würde ich gern erstmal eine Vortragspause einlegen und die Frage in die Runde geben. Was meinst du dazu, welche Erfahrungen hast du selbst gemacht, und wie passt das alles zusammen? Vielleicht nehmen wir uns diese Zeit einfach. Ich gehe mir einen Tee kochen und bastele ein paar Grafiken, und du schaust selbst, ob du direkt weiterlesen oder erst ein bisschen nachdenken und die bisherigen Informationen sacken lassen möchtest…

Überlegungen am konkreten Beispiel: Das Capybara

Im Blog-Artikel vor zwei Wochen ging es um das Komponieren von Zwei-Ton-Liedern im Blockflötenunterricht oder auch in anderen musikpädagogischen Angeboten. Die dort beschriebenen Schritte 1. bis 4. finden alle auf der enaktiven Ebene statt, beispielsweise das Singen und Zeigen der Töne mit Hilfe der Relativen Solmisation:

Auf der ikonischen Ebene können wir Tonhöhe und Tonlänge beispielsweise durch Farben und Formen sowie deren Lage zueinander darstellen. Orientieren wir uns an der farbigen Codierung der Boomwhackers und Round Sound Tubes, wählen wir für das c“ Rot und für das a‘ ein bläuliches Violett. Solche und ähnliche bildhafte Notationen können die Kinder mit Buntstiften oder mit Schere und farbigen Papierstreifen selbst erstellen.

Kritiker dieser Vorgehensweise bemängeln, dass dadurch wertvolle Zeit an der Blockflöte verloren gehe und dass die Kinder zum Flötenunterricht kämen, nicht zur Bastelstunde. Diese Einwände kann ich durchaus nachvollziehen, beobachte jedoch, dass dieser Zwischenschritt auf dem Weg zur traditionellen Notenschrift besonders für junge Kinder, deren Abstraktionsfähigkeit noch nicht so weit entwickelt ist wie bei älteren Kindern oder gar Erwachsenen, eine große Hilfe ist.

Auf dem Weg von der ikonischen zur symbolischen Ebene beginnen die Kinder in meinen Unterrichten als nächstes, selbst Noten aufzuschreiben. Zu Beginn lässt sich diese Tätigkeit noch eher als Malen beschreiben. Sie verwenden Buntstifte in den bereits bekannten Farben und von mir selbst angefertigtes Notenpapier, das ihnen eine zusätzliche Orientierung bezüglich der Notenlänge anbietet. So entschlüsseln sich die Kinder aktiv die Komplexität der Notenschrift und erarbeiten sich, wiederum durch eigenes Tun, wo die Notenköpfe ihren Platz haben, auf welcher Linie oder in welchem Zwischenraum, und welche Notenform die gewollte Tonlänge ausdrückt. Dabei geht es immer darum, eigene Tonfolgen und Melodien aufzuschreiben.

Erst danach biete ich den Kindern Notenblätter oder Blockflötenschulen an, mit dem Ergebnis, dass sie selbst erstaunt darüber sind, dass sie ihnen bis dahin unbekannte Lieder und Melodien im ihnen bekannten Tonraum einfach so vom Blatt abspielen können.

Die gleiche Vorgehensweise wende ich auch in meinen musikpädagogischen Kursen für Erwachsene an: E – I – S. Enaktiv – Ikonisch – Symbolisch.Damit verbinde ich die Hoffnung, dass jede Teilnehmende für sich selbst einen ganz eigenen, individuellen Zugang zum Instrument, zur Musik, zum eigenen Körper, zu den theoretischen Zusammenhängen wie der Notenschrift und auch zu pädagogischen und didaktischen Möglichkeiten für das eigene Tun findet.

Ich freue mich schon sehr auf jede, die bisher immer geglaubt hat, sie sei unmusikalisch, habe kein Rhythmusgefühl oder könne keine Noten lesen, und genauso freue ich mich auf jede, die für sich selbst schon alles weiß, jedoch neue Wege sucht, ihr Wissen für Kinder begreifbar zu machen. Vielleicht bist Du auch mit dabei? Dann freue ich mich auch ganz besonders auf Dich.

Einen schönen „Wonnemonat“ Mai wünscht dir

Dagmar

PS: Du möchtest mehr wissen?

  1. Informationen zu den einzelnen Kursen der musikpädagogischen Grundausbildung, die in Form von Wochenend-Seminaren am ev. Bildungshaus Rastede stattfinden, findest du unter Termine.
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