Komponieren mit Kindern und der Weltretterbande

Eigentlich habe ich schon seit mehreren Wochen das Skript für eine kleine Video-Reihe zum Thema „Komponieren mit Kindern“ im Kopf. Dabei wollte ich mich an den Phänomenen des Frühlings entlanghangeln: Vogelstimmen auf dem Blockflötenkopf, eine Vertonung des Gedichts „Die Tulpe“ von Josef Guggenmoos, Frühblüher als Inspirationsquelle für Zwei-, Drei- und Fünf-Ton-Lieder, lauter Ideen, die ich in meinen eigenen Blockflötenunterrichten alle Jahre wieder in unterschiedlichen Varianten realisiere.

Doch dann kreuzte überraschend dieses süße, kleine Capybara meinen Weg. Es handelt sich dabei um ein Mini-Schleichtier, das einem Bio-Schokoladenei der Weltretterbande entsprungen ist. Zuerst hat es als Foto-Model für einen lustigen Ferien-Nachmittag gesorgt, und jetzt spukt es schon seit gestern Abend in Form von Liedanfängen durch meinen Kopf: Zwei-Ton-Lieder, Drei-Ton-Lieder, Fünf-Ton-Lieder, natürlich singbar mit Text und von den Tönen her gut geeignet für den Anfangsunterricht auf der Blockflöte. Vergessen wir also fürs Erste das Vogelgezwitscher und die Gedichtvertonung und widmen uns stattdessen direkt dem Komponieren von Liedern.

Moment mal, Komponieren im Anfangsunterricht Blockflöte? Muss man nicht erstmal lernen, überhaupt Blockflöte zu spielen, bevor man mit dem Komponieren beginnt? – – – Meine Philosophie und eine der Grundideen der KREALOGOS Musikwerkstatt ist es, beides von Anfang an miteinander zu verbinden.

Zwei-Ton-Lieder

Schauen wir uns einmal verschiedene Blockflötenschulen an, so stellen wir fest, dass die allermeisten von ihnen den Lehrgang mit Zwei-Ton-Liedern aus c“ und a‘ beginnen. Das war in meiner Kindheit so und hat sich bis heute nur wenig geändert. „Schneck im Haus, Schneck im Haus, strecke deine Fühler aus!“ hieß damals vor vierzig Jahren und heißt es tatsächlich auch in einigen aktuellen Blockflötenschulen.

1. Vorübungen

Beim Komponieren von Zwei-Ton-Liedern geht es also darum, dieses häufig unbewusst verwendete natürliche Tonintervall, die „Ruf-Terz“, bewusst wahrnehmbar zu machen. Dabei kann die Relative Solmisation mit den Tonsilben so und mi und den dazugehörigen Handzeichen eine große Hilfe sein. Eine weitere Methode der Bewusstmachung liegt im Singen. Zusammen mit der Relativen Solmisation sorgt es für eine ganzheitliche körperliche Erfahrung eines musiktheoretischen Zusammenhangs, was sich dann mit Leichtigkeit auf die Blockflöte oder auch auf andere Musikinstrumente, zum Beispiel Stabspiele, übertragen lässt.

Eine gute Vorübung für das Komponieren von Zwei-Ton-Liedern ist es, den eigenen Namen, die Namen aller Kinder in der Flötengruppe oder auch Namen von Pflanzen, Obstsorten, Tieren und Gegenständen als „Ruf-Terz“ zu singen, idealerweise verbunden mit den entsprechenden Handzeichen der Relativen Solmisation. Diese ist in meinen Augen ein so wertvolles Werkzeug, dass sie in allen Kursen der KREALOGOS Musikwerkstatt eine Rolle spielt.

2. Einen Text finden

Auch unser zu komponierendes Zwei-Ton-Lied denken wir, wie in den Vorübungen, vom Text aus. Dabei helfen uns Reimwörter sowie Informationen zum Subjekt des Liedes. Starten wir mit einem Reimwort auf „Capybara“: Mir fällt als erstes „Sahara“ ein. Da ich noch nichts über das Capybara weiß, starte ich eine kleine Internetrecherche und finde heraus, dass es keinesfalls in der Sahara lebt, da es sich beim Capybara um ein Wasserschwein handelt, das sich in den warmen Feuchtgebieten Südamerikas zu Hause fühlt. Und schon haben wir einen ersten Text, der sich wunderbar für ein Zwei- oder auch Drei- und Fünf-Ton-Lied eignet:


Das Capybara
lebt nicht in der Sahara,
denn es ist ein Wasserschwein,
das kann nicht in der Wüste sein.

3. Den Rhythmus spüren

Als nächstes brauchen wir einen Rhythmus, der entweder in gerappter Form als Sprechgesang oder auch direkt in Verbindung mit einer Tonfolge entstehen kann, in unserem Fall basierend auf der „Ruf-Terz“. Hierbei hilft es, während des rhythmischen Sprechens oder Singens im Takt zu gehen, zu stampfen oder zu klatschen. Dabei spüren wir, welches die betonten Silben sind, wo also die Schwerpunkte in unserer Melodie sein werden. Vielleicht stellt man dabei fest, dass es Stolperstelle gibt, an denen sich der Text nicht in den Takt einfügen will. Dann gilt es, den Text durch Ergänzen, Weglassen oder Austauschen einzelner Silben oder Wörter anzupassen.

Das Ca-py-ba-ra
lebt nicht in der Sa-ha-ra,
denn es ist ein Was-ser-schwein,
das kann nicht in der Wüs-te sein.

4. Ins Musizieren kommen

Alles, was man rhythmisch sprechen, singen und mit den Handzeichen der Relativen Solmisation dirigieren kann, ist vom Körper ganzheitlich erfasst. Das bildet eine solide Basis für nächste Schritte, die von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein können. Im Blockflötenunterricht geht es natürlich darum, das Lied auf der Blockflöte zu musizieren, im Anfangsunterricht auf der Sopranblockflöte zunächst einmal mit den oben genannten Tönen c“ und a‘. Wer ohne Blockflöte mit Kindern ins Komponieren kommen möchte, kann alternativ zum Beispiel mit Boomwhackers oder Stabspielen arbeiten. Ich selbst bin ein großer Fan der „Round Sound Tubes“, das sind Kunststoffröhren in den Farben der Boomwhackers mit gestimmten Klangplatten aus Metall.

5. Mögliche nächste Schritte

In meinen Unterrichten erlebe ich häufig, dass Kinder an diesem Punkt wissen wollen, wo sie die entsprechenden Töne am Klavier in meinem Unterrichtsraum finden. Andere Kinder, jene mit einem besonderen Interesse an der Tierwelt oder einem ausgeprägten Sinn für Sprache, wollen hingegen lieber mehr über das Capybara herausfinden oder weitere Liedstrophen dichten. Diese Erfahrung mache ich gerade mit einer Gruppe zehnjähriger Mädchen, die aus dem Stadium der Zwei-Ton-Lieder längst heraus sind. Für sie ist ein Lied erst dann fertig, wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist. Noch wieder anderen Kindern ist es wichtig, ihre Komposition aufzuschreiben. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten, um die es in nächsten Blog-Artikel gehen wird.

Ins eigene Tun kommen

Diese Art zu komponieren lässt sich wunderbar gemeinsam mit Kindern realisieren. Mit etwas Erfahrung automatisieren sich die einzelnen Schritte und es entsteht eine spielerische Leichtigkeit, mit der sich beliebige Worte, Sätze, Reime und Gedichte musikalisieren lassen. Dadurch schaffen wir einen ganz direkten Bezug zur individuellen Lebenswelt der Kinder, anstatt nur irgendwelche Lieder zu reproduzieren, die jemand anderes sich irgendwann mal ausgedacht hat. Dafür ist es egal, ob wir die draußen blühenden Krokusse, Tulpen, Osterglocken und Traubenhyazinthen in Flötentöne verwandeln und so die Natur vor der Haustür in unseren Flötenunterricht holen, oder ob wir anhand einer kleinen Schleich-Figur aus einem Schoko-Ei die Neugier für weit entfernt lebende Tiere und ihre Lebensräume wecken.

Das Komponieren mit Kindern spielt in allen KREALOGOS-Kursen eine wichtige Rolle, weil es für mich elementarer Bestandteil eines ganzheitlichen, handlungsorientierten, persönlichkeitsfördernden Instrumentalunterrichts ist. Im Kurs „Anfangs-Allerlei“ im Juni erkunden wir beispielsweise Möglichkeiten, nur mit dem Blockflötenkopf Musik zu erfinden und diese grafisch zu notieren. Zwei-Ton-Lieder wie das Capybara-Lied werden wir im Kurs „Beat-Basteleien“ im August komponieren, und im Kurs „C-Blockflöte“ im November erkunden wir den gesamten Tonraum der C-Blockflöte, der uns zum Komponieren zur Verfügung steht. Vielleicht hast du ja Lust, dabei zu sein? Ich würde mich freuen!

Herzliche Frühlingsgrüße aus der Musikwerkstatt!

Dagmar


PS: Du möchtest mehr wissen?

  1. Informationen zu den einzelnen Kursen der musikpädagogischen Grundausbildung, die in Form von Wochenend-Seminaren am ev. Bildungshaus Rastede stattfinden, findest du unter Termine.
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